Die neue Mobilität in Deutschland | Deutscher Maschinenbau-Gipfel
News Maschinenbau-Gipfel 2019

Warum die deutsche Industrie sich auf eine neue Mobilität ausrichten muss

schaeffler_peter gutzmer

Aus Sicht von Prof. Peter Gutzmer, Technologievorstand von Schaeffler, wird in der Mobilität der nächsten zehn Jahre der Hybrid eine wichtige Rolle spielen. Dennoch muss sich der Maschinen- und Anlagenbau grundsätzlich wandeln: Elektrifizierung und Brennstoffzelle erfordern neue Produkte und Infrastrukturen.


Herr Prof. Gutzmer, wie bewerten Sie den Wandel in der Mobilität?

Prof. Peter Gutzmer: Die Nutzung und die Produktvielfalt der individuellen Mobilität befindet sich bereits mitten in einem großen Wandel. Der Verbrennungsmotor wird seine alleinige Dominanz nach 130 Jahren verlieren, dabei spielt die Elektrifizierung eine ganz große Rolle. Unserer Einschätzung nach werden Fahrzeuge um 2030 herum mehr in Gruppen- und Leasing-Szenarien genutzt.

Dennoch erwarten wir nicht, dass weniger Fahrzeuge gebaut werden, sondern tendenziell mehr. Bei den dann jährlich rund 117 Millionen neuen Fahrzeugen weltweit gehen wir in Europa und Amerika von stabilen Bauzahlen aus, China hingegen wird mit einem Anteil von mehr als einem Drittel der Neufahrzeug-Produktion das Wachstum forcieren und dabei auch eine Führungsrolle beim Elektroantrieb einnehmen.

Mindestens 30 Prozent der weltweit hergestellten Fahrzeuge werden dann rein elektrisch, weitere 40 Prozent als Hybrid mit Elektro- und Verbrennungsmotor ausgestattet sein. Auch die Brennstoffzelle spielt dann eine Rolle, allerdings in diesem Zeitraum zunächst nur in Nischenanwendungen. Vor diesem Hintergrund ist insbesondere für unsere global aufgestellte Zulieferer-Industrie Technologieoffenheit sehr wichtig. Dies gilt vor allem für die kommenden herausfordernden Jahre.

elektroauto aufladen

Was bedeutet das für die Branche? Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Trotz einer gewissen Unsicherheit in den Langfristprognosen setzen wir auf Hybridisierung und das weitere Potential des Verbrennungsmotos neben dem selbstverständlich notwendigen Kompetenzaufbau im elektrischen Antrieb. Gesellschaftlich ist eine Diskussion über die Gesamtbilanz von Elektrofahrzeugen dringend notwendig: Zwar sind sie lokal emissionsfrei. Von der Rohstoffgewinnung über die Produktion der Komponenten, über den Verbrauch während der Nutzung bis hin zum Recycling stellt man aber schnell fest, dass das Elektrofahrzeug nicht mehr die großen CO2-Vorteile hat, außer wenn der Strom ausschließlich aus regenerativen Quellen kommt. Das ist in Deutschland auch aufgrund vieler Kohlekraftwerke nicht der Fall.
 
Wie geht Schaeffler konkret mit den Herausforderungen um?

Wir akzeptieren und erkennen, dass wir die Veränderungen in den gesellschaftlichen Ansprüchen in einem Kompromiss zwischen vorhandenen und neuen Technologien darstellen müssen: Das macht das Leben für uns als global aufgestelltes Industrieunternehmen nicht einfacher. Dafür haben wir bewusst strukturelle und organisatorische Veränderung eingeläutet. Es sind viele Herausforderungen damit verbunden, eine Balance zu finden zwischen Wissenschaft, Politik, Gesetzgeber, betriebs- und volkswirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Aspekten – auch bezüglich Arbeitsplatzerhalt oder neuer Arbeitsplatzgestaltung sowie neuen Ausbildungs- und Schulungsthemen. Zusätzlich denken wir noch an die Veränderungen durch die weiteren Game Changer wie das autonome Fahren oder insgesamt die Digitalisierung.

moleküle

Wie problematisch ist es, dass der Elektroantrieb so stark im Fokus steht? Was wird dabei aus Alternativen wie der Brennstoffzelle?

Bei Schaeffler befassen wir uns intensiv mit elektrischen Antrieben, aber auch mit Brennstoffzellen und mit Wasserstoff, der auch für e-Fuels relevant wird. Sie können in flüssiger Form die beste Energiedichte eines Energieträgers ermöglichen. Prinzipiell bleibt der elektrische Antrieb für Batterie oder Brennstoffzelle gleich, nur die Form der Energiespeicherung respektive Energiewandlung ändert sich. Für die nächsten zehn Jahre wird sich die Brennstoffzellen-Technologie vor allem auf Nutzfahrzeuge begrenzen.

Das Thema Wasserstoff als langfristig wahrscheinlich sogar wesentliche Basis unserer Energieträger wird aber zunehmend an Bedeutung gewinnen. Um die immer ausgeprägtere volatile elektrische Energieerzeugung zu nutzen, müssen verschiedene Formen von Zwischenspeichern geschaffen werden. Perspektivisch geht es dabei auch darum, eine umfassende Wasserstoffwirtschaft aufzubauen. Flugzeuge und große Schiffe werden ohne Verbrennungskraftmaschinen und e-Fuels nicht betrieben werden können, will man die herausfordernden CO2-Ziele erreichen. Auch die laufende langlebige, weiterwachsende Fahrzeugflotte mit heute bereits 1,3 Milliarden Fahrzeugen weltweit lässt sich kurz- bis mittelfristig nur über Beimischungen in die erforderliche CO2-Reduktion einbeziehen.

Wie sieht es mit der Förderung der alternativen Technologien aus?

Die erforderliche Veränderung wird sehr groß, sie muss finanziert und zügig bezüglich Aufbau von Wissens- und Industrialisierungskompetenz gefördert werden: Dazu gehört eine angepasste und umfassend veränderte Ausbildung über verschiedene Sektoren hinweg. Um Deutschland als führenden Standort für Mobilität an der Spitze zu halten, wären wir gut beraten, technologieoffen auch in Infrastrukturen und Versorgungslösungen zu investieren. Dazu müssen wir deutlich stärker übergreifend denken und endlich eine konstruktive gesellschaftliche Diskussion führen.

Derzeit verunsichern die vielfältigen Lösungen mehr und führen zu Verbotsdiskussionen, als dass sie als Chance begriffen werden. Wasserstoffgenerierung aus regenerativ erzeugter hochvolatiler elektrischer Energie in Großvolumen muss Förderthema sein: Es wird einen ausgeprägten globalen Wettbewerb um Wasserstoff als direkter Energieträger und als Komponente für flüssige Gase und Kraftstoffe geben.

smart city

Was bedeutet die neue Mobilität für den Maschinen- und Anlagenbau?

Angesichts der Paradigmenwechsel in den Technologien durch Elektrifizierung, Digitalisierung und in Echtzeit vernetzte Strukturen in der gesamten Wertschöpfungskette brauchen Unternehmen heute Flexibilität und Agilität, um erfolgreich Portfolien zu verändern oder abzulösen. Wir gehen das Thema an, indem wir Organisationstrukturen verändern und Startup-ähnliche agile Strukturen und Prozesse schaffen.

Thematisch befassen wir uns sehr eingehend mit zukünftig bedeutenden Gesamtsystemen, von der Rohstoffgewinnung über die Verarbeitung und Verteilung bis hin zur Nutzung in Produkten oder den genannten Energieketten. Dabei müssen wir zugleich das konsequent weiterführen, was sich als zukunftsfähig erweist, uns bisher stark und wirtschaftlich erfolgreich gemacht hat, aber gleichzeitig neue Dinge angehen: Das ist unternehmerisch schwierig, weil dabei „das Neue“ und „das Alte“ zunehmend im Widerspruch stehen. Auch birgt der Einstieg in komplett neue Felder erhebliche Risiken und verlangt neben ungewohntem Bewertungs- oder Betrachtungsweisen auch nach neuen umfangreichen Ressourcen.

Was bedeutet dieser Wandel ganz konkret für Schaeffler, was verändert sich, auf welche Strategien setzen Sie?


Wir optimieren weiterhin Verbrennungsmotoren, Getriebe und deren Schlüsselkomponenten, treiben aber auch das Thema elektrische Antriebe und weiter in die Zukunft gerichtet die Brennstoffzelle in unser erweitertes Kompetenz- und Produktionsumfeld hinein. Dabei wollen wir erreichen, dass die Brennstoffzelle oder deren Schlüsselkomponenten qualitativ und wirtschaftlich bis 2030 wettbewerbsfähig darstellbar sind.

Es gilt auch, vorhandene bewährte Kernkompetenzen wie Umformtechnologien, Montage, Wärmebehandlung oder Beschichtungstechnologien in die zukünftige Welt zu übertragen. Mechatronik, Digitalisierung und Software werden dabei zusätzlich als neu zu integrierende wesentliche Kompetenzfelder immer wichtiger. Zu den neuen Geschäftsfeldern gehören aber auch innovative Gesamtlösungen, neben der bereits vorgestellten Konzeptstudie eines Bio-Hybrids oder dem neuen Produktportfolio für autonome Robo-Taxis auch stationäre Batterielösungen und weitere Fahrplattformen, über die wir nachdenken.

Technologieoffenheit und ein gesellschaftlicher Konsens für ökologisch, ökonomisch und sozial ausgewogene Rahmenbedingungen sind wesentliche Voraussetzungen für eine nachhaltige Zukunft der Mobilität in Deutschland und für die erforderliche Umgestaltung der Industrie- und Forschungslandschaft zum Erreichen des berechtigten Zieles eines globalen Führungsanspruchs.

Autorin: Daniela Hoffmann