Geld verdienen durch Nachhaltigkeit | Deutscher Maschinenbau-Gipfel
News Maschinenbau-Gipfel 2019
Dr. Henning Wilts vom Wuppertal Institut

Wie die Maschinenbau-Branche mit Nachhaltigkeit Geld verdient

Nachhaltigkeit ist ein Thema, das die Deutschen angesichts des Klimawandels zunehmend stark beschäftigt. Die Industrie hat nun die Aufgabe, neue Lösungen zu finden, um Wertstoffe wiederzuverwenden. Aus Sicht von Dr. Henning Wilts vom Wuppertal Institut, Sprecher auf dem Maschinenbau-Gipfel, ergeben sich daraus große Chancen für die Branche.


Dr. Wilts, was bedeutet Kreislaufwirtschaft konkret - und warum 4.0?

Dr. Henning Wilts: Die Idee der Kreislaufwirtschaft ist es, Rohstoffe am Ende ihrer Nutzung möglichst optimal zurückzugewinnen und ihren Wert so gut wie möglich zu erhalten. Wir sind in Deutschland zwar sehr gut darin, Abfälle sicher und umweltfreundlich zu entsorgen, wir nutzen sie allerdings noch zu selten als potentielle Sekundärrohstoffe. In unserer Industrie kommen aktuell weniger als 20 Prozent der Materialien aus dem Recycling, das heißt zu mehr als 80 Prozent ist es noch ein lineares Modell.

Eine wesentliche Herausforderung ist dabei das Management von Informationen:

  • Wo und wann fallen Abfälle an?
  • Welche Rohstoffe sind darin enthalten, welche Schadstoffe eventuell?

Genau hier könnte eine Kreislaufwirtschaft 4.0 ansetzen, also ein digital gestütztes Wertstoffmanagement, zum Beispiel indem Künstliche Intelligenz genutzt wird, um die Sortierung von Abfällen möglichst optimal auf die Nachfrage auszurichten. Auch in der Produktion werden immer mehr Daten über Sensoren erhoben, die im Prinzip für die Abfallwirtschaft hochinteressant sein könnten.

Ist das Konzept mit dem Cradle-to-Cradle-Ansatz von Prof. Braungart an der Leuphana Universität vergleichbar?

Der Ausgangspunkt ist sehr ähnlich: Die Gesamtmenge an Ressourcen, die wir in Deutschland nutzen, übersteigt ein nachhaltiges Niveau bei weitem, deswegen brauchen wir geschlossene Stoffkreisläufe. Unser Fokus am Wuppertal Institut ist dabei noch stärker auf dem Nutzen, den wir aus jeder einzelnen Tonne an Material gewinnen - da müssen wir noch besser werden. Deswegen sind geschlossene Kreisläufe für uns auch kein Selbstzweck, am Ende müssen sie zu einer konkreten Umweltentlastung beitragen.

Welche Implikationen hätte das Thema für die Branche Maschinen- und Anlagenbau? Welche Chancen ergeben sich daraus?

Der Maschinen- und Anlagenbau könnte einer der großen Gewinner der Kreislaufwirtschaft werden: Zum einen setzen sich Konzepte wie "Predictive Maintenance" ja immer weiter durch, auch das Re-Manufacturing wird zu einem immer wichtigeren Wirtschaftssektor. Der interessanteste Hebel könnte aber in der Rolle als Datenmanager liegen: Welche Stoffe werden in welcher Form auf Anlagen verarbeitet? Wer solche Daten intelligent ausnutzt, wird sich ganz neue Marktchancen eröffnen.

Wo haben die Unternehmen den größten Aufholbedarf? Welche Rolle spielt die Digitalisierung für neue nachhaltige Konzepte?

Der größte Handlungsbedarf besteht unseren Analysen nach an den Schnittstellen in der Wertschöpfungskette. Die Abfallwirtschaft fängt hier zum Beispiel erst an, standardisierte Formate zu entwickeln. Die Technologie wird häufig genug sogar in Deutschland entwickelt, wir brauchen aber noch andere Rahmenbedingungen, um damit wirklich neue Geschäftsmodelle aufzubauen. Aus Nachhaltigkeitssicht gilt aber auch für die Digitalisierung, dass sie genauso gut zum Innovationsmotor für unsere Umweltprobleme werden kann - wer hier die richtigen Ansätze für Investitionen und Forschung findet, kann sich erfolgreich auf einem der wichtigsten Zukunftsmärkte positionieren.

Wir danken für das Gespräch!

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Autorin: Daniela Hoffmann