Maschinenbautrends von morgen | Deutscher Maschinenbau-Gipfel
News Maschinenbau-Gipfel 2019

Diese Trends prägen den Maschinenbau von morgen

Henrik A. Schunk

Schunk-CEO Henrik A. Schunk diskutiert auf dem Maschinenbau-Gipfel zum Thema KI. Hier spricht er über Trends, die die Branche prägen, wie die Unternehmen agiler werden können und welche Bedeutung Daten rund um den Digitalen Zwilling künftig bekommen.


Herr Schunk, welche Trends verändern die Branche?

Henrik A. Schunk: In den kommenden Jahren wird es in der industriellen Produktion zu einem Boom der Automatisierung und Digitalisierung kommen. Der Einsatz digitaler Technologien sowie die Methoden der Künstlichen Intelligenz werden die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen auf eine neue Stufe heben. Für den Maschinenbau heißt das: Fabriken, Prozesse, Maschinen, Produkte und Dienstleistungen werden künftig smart sein. Wer sich am Markt behaupten will, muss frühzeitig in digitale Prozesse und in ein digitales Produktportfolio investieren und die digitale Transformation im Unternehmen aktiv gestalten.
Im Kern geht es darum, digitale Zwillinge zu nutzen und einen durchgängigen Datenfluss in Echtzeit im Takt der Produktion zu erhalten. Mit der damit gewonnenen Transparenz lassen sich sämtliche Prozesse und das Zusammenspiel der beteiligten Systeme optimieren. 

Welchen Herausforderungen müssen sich die Unternehmen jetzt stellen?

Aktuell haben wir eine ausgesprochen spannende Situation: Die Szenarien der Industrie 4.0 sind nicht von vornherein festgelegt, sondern müssen von allen Playern am Markt neu erfunden werden. Das ist eine großartige Chance, um Produkte, die Produktion und Geschäftsmodelle zu verbessern – beziehungsweise neu zu aufzustellen. Entscheidend wird sein, in den hochautomatisierten, vernetzten Fabriken von morgen eine hohe Kollaborationseffizienz der Systeme zu erreichen. Es geht um eine konsequente Vernetzung, sodass sämtliche Produkte von digitalen Wertströmen begleitet werden: Angefangen bei der Entwicklung, dem Lieferanten- und Produktionslinienaufbau bis zum Prozess- und Qualitätsmanagement, der Auslieferung und dem Servicegeschäft.
Damit verbunden ist eine veränderte Qualifikation der Fachkräfte: Routinetätigkeiten und immer mehr Handgriffe werden durch automatisierte Prozesse und Roboter erledigt. Der Maschinenbediener wird zum Anlagenmanager. Diese Transformation muss organisiert, kommuniziert und nicht zuletzt auch unter sozialen Aspekten zielführend gemanagt werden. Sie gelingt nur, wenn dieser tiefgreifende Wandel von den Führungskräften, aber auch von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mitgetragen und mitgestaltet wird. Alle Beteiligten müssen in die Lage versetzt werden, mit dem hohen Entwicklungstempo Schritt zu halten. 

Henrik A. Schunk auf Maschinenbau-Gipfel

Warum ist der Wandel zu mehr Agilität so wichtig? Wie kann davon speziell die Innovationskultur profitieren? 

Die hohe Dynamik und Volatilität der der Märkte, rasant steigende Produkt- und Produktivitätsanforderungen, eine wachsende Variantenvielfalt und reduzierte Losgrößen, aber auch das weltweite Angebot leistungsstarker Lieferanten üben einen enormen Erfolgs-und Kostendruck aus. Dem ist nur durch kurzzyklisches Handeln und konsequente Prozessinnovationen zu begegnen. Hinzu kommen neue Technologien wie beispielsweise der 3D-Druck, das Edge Computing oder 5G, die weitere Innovationsimpulse liefern. Was gestern noch zielführend war, kann morgen schon obsolet sein. Agilität ist die Antwort auf diesen zunehmenden Veränderungsdruck.
Eine agile Produktentwicklung zeichnet sich aus durch kleine, sich selbst organisierende Teams sowie eine iterative und inkrementelle Vorgehensweise in engem Kundenkontakt. Das Ziel ist es, mit geringem bürokratischem Aufwand und mit wenigen Regeln auszukommen, Kreativitätstechniken gezielt zu nutzen und sich schnell an Veränderungen in Kunden- und Marktanforderungen projektbegleitend anzupassen. So werden Entwicklungsprozess flexibler, schlanker und schneller. Auf diese Weise ergeben sich wettbewerbsentscheidende Vorteile am Markt. 

Welche Hürden sind dabei am schwierigsten zu nehmen?

Zu allererst gilt: Agile Methoden erfolgreich einzuführen und durchzuhalten, ist unbequem. Man verlässt die Komfortzone, muss sich von alten Gewohnheiten trennen, neue Wege auskundschaften und immer wieder überprüfen, was weiter verbessert werden kann. Agilität heißt, dass Fachkräfte sehr viel vernetzter denken und agieren müssen, als es bislang der Fall war. Neben Fachwissen ist ein hohes Maß an sozialer Kompetenz erforderlich, aber auch Kreativität, Anpassungsfähigkeit, Lösungskompetenz, Empathie und Neugierde. Hinzu kommt die Bereitschaft, interdisziplinär und kooperativ zu arbeiten. All das wächst erst im Laufe der Zeit. Daher ist es ratsam, agile Methoden schrittweise einzuführen und an ausgewählten Pilotprojekten immer wieder zu überprüfen, ob die gewählten Methoden zum Unternehmen und zu den Entwicklerteams passen.

In der Podiumsdiskussion auf dem Maschinenbau-Gipfel, an der Sie teilnehmen, geht es um KI. Welche Rolle spielen KI-Technologien aus Ihrer Sicht für die Branche?

In vielen Bereichen des täglichen Lebens hat die Künstliche Intelligenz (KI) bereits Erfolge bei Problemen erzielt, die mit konventionellen Ansätzen nur schwer bis gar nicht lösbar waren. Dazu zählen die Bild-, Muster- und Spracherkennung, Service-Hotlines oder das sichere Bezahlen mit Kreditkarten durch automatisches Sperren bei ungewöhnlichen Transaktionen. Für den Maschinen- und Anlagenbau eröffnet die Künstliche Intelligenz vollkommen neue Möglichkeiten: Im Zusammenspiel mit Sensoren können Prozesse künftig autonom überwacht und geregelt werden. Anomalien – also Abweichungen vom typischen Verhalten, zum Beispiel Hinweise auf Service- oder Korrekturbedarfe – lassen sich leicht entdecken. In Bezug auf die Handhabung werden sich die gesamten kinematischen Ketten, beispielsweise das gemeinsame Wirken von Robotern und Greifsystemen, mithilfe von KI-Methoden automatisieren lassen, ohne explizit jeden einzelnen Schritt zu programmieren. Maschinelles Lernen ist die Devise der Zukunft!

Wo ist mit Blick auf KI vielleicht auch Vorsicht geboten?

Der Einsatz von KI ist in vielen Anwendungen vielversprechend. In den allermeisten Fällen sollte die Forschung daher freie Hand bekommen. Zugleich gilt es, ethische Grenzen aufzuzeigen, beispielsweise wenn es um die KI-gestützte Überwachung oder Bewertung sensibler Daten und Intellectual Property geht. Nicht zu vernachlässigen sind diffuse Ängste der Mitarbeiter, die durch eine allgemeine Diskussion über die Nutzung von KI-Methoden ausgelöst werden. Hier ist aktiv Überzeugungsarbeit erforderlich, um auf Grundlage von fundiertem Wissen Vertrauen zu schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Autorin: Daniela Hoffmann